Schon im Februar war ich eingeladen worden, mit den Betreuern
der geistig und mehrfach Behinderten in dem großen Zentrum auf Geoje-do
zu arbeiten und ihnen die Möglichkeiten des Puppenspiels für ihre
Schützlinge zu zeigen und mit ihnen einfache Szenen einzuüben, sowie
3 Vorträge über Puppenspieltherapie für geistig und mehrfach Behinderte
zu halten.
Oft schon hatte ich in europäischen Behinderteninstitutionen gearbeitet
und Fortbildungen für die Betreuer gestaltet. „Pah!“, dachte ich,
„Kleinigkeit!“. - Ich hatte weit gefehlt.
In
Ai Kwang Won leben rund 250 geistig und mehrfach – zum Teil extrem
stark – behinderte Menschen mit ihren Betreuern. Die meisten der
nun fast erwachsenen Behinderten waren ausgesetzte Kinder. In Korea
macht sich erst sehr langsam der Gedanke breit, dass auch Behinderte
ein Recht auf Leben, Fürsorge und Pflege haben. Es gibt in Ai Kwang
Won einen Kindergarten, eine Schule und mehrere Werkstätten. Einige
wenige leicht Behinderte leben in Außengruppen in der Stadt Jangseungpo,
wo sie selbst – unter Aufsicht – kochen, putzen und waschen. Männer
und Frauen werden in diesen Gruppen streng getrennt. Es gibt nur
sehr wenige Behinderte, die heiraten oder eine Partnerschaft eingehen.
Die Ausbildung der Lehrer und Betreuer ist m.E. nicht vergleichbar mit der Ausbildung entsprechender Kräfte in Deutschland. Es wird erwartet, dass sie ihre Schützlinge so weit wie möglich dem Verhalten und den Anforderungen eines „normalen“ Menschen anpassen. Dass das nicht möglich ist und zu Konflikten führt, ist einsichtig. Durch die Patenschaft mit der Fröbelschule in Schorndorf/Deutschland gibt es für einige der Kräfte immer wieder die Möglichkeit, sich über die Betreuung von Behinderten in Deutschland zu informieren (Website: www.froebelschule-schorndorf.de .)
Es ist allerdings sehr fraglich, ob sich in absehbarer Zeit das extrem leistungsorientierte System der Betreuung und Beschulung in Korea verändern kann. Andererseits zeigte das Interesse an meinem Fortbildungsangebot, dass das Defizit gespürt wird und Auswege aus der reinen Beaufsichtigung gesucht werden.
Geht
man in Deutschland davon aus, dass man die Behinderten – welchen
Grad und welche Art der Behinderung sie auch haben mögen – dort
abholt, wo sie stehen, um ihre individuellen Fähigkeiten zu fördern
und sie zu motivieren, an sich selbst zu arbeiten, geht man in Südkorea
davon aus, dass die Behinderten Defizite haben und wegen dieser
Defizite trainiert werden müssen. Die Sichtweise ist ausschließlich
Defizit orientiert und nicht orientiert nach persönlichem Potential
– sei es auch noch so klein.
Dazu werden u.a. Computerprogramme eingesetzt. Die Musikinstrumente flimmern auf dem riesigen Bildschirm als Comicfiguren vor den Augen der behinderten Schüler und spielen schöne Melodien. Weder wird darauf Rücksicht genommen, dass Behinderte langsamer auffassen als die meisten sogenannten normalen Kinder, noch wird darauf Wert gelegt, dass die Behinderten SELBST das meiste tun und dadurch ihre Möglichkeiten und Fertigkeiten erfahren und schulen. Das ist schade, denn nur die wenigsten der 250 Behinderten kommen in den Genuss einer Sonderförderung in Musik oder Malen oder Töpfern
Hygiene ist das dort oberste Gebot. Natürlich ist es angenehm, wenn kein Krümelchen auf dem Boden liegt und die Räume nicht nach Urin und Essen riechen. Aber wenn deshalb keinerlei „Kuschelecken“, keine bequemen Sofas, keine Kissen oder Holzspielzeug zur Verfügung stehen, wenn die meisten Räume kahl sind und der luftige Aufenthaltsraum nur mit einer großen Videowand bestückt ist, wirken die Räume kalt und abweisend. Die Behinderten haben lediglich die Möglichkeit, sich auf den blanken Boden zu hocken und den Tag vorübergehen zu lassen. Die wenigsten erwachsenen Behinderten werden in die Lage versetzt, sich in einen noch so einfachen Arbeitsprozess einzugliedern.
Mein Angebot, den Betreuern zu zeigen, wie sie mit einfachsten
Figuren für die Behinderten kurze, einfache Geschichten spielen
können, war unter diesen Bedingungen mehr als exotisch. Zwar erinnerten
sich einige der Betreuer an meine kleine Aufführung während meines
Besuches im Februar diesen Jahres, aber zugetraut, das auch zu tun,
hat sich das keiner. Es war wirklich schwer, die Betreuer zu motivieren,
sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Schließlich wurden 4 Betreuer
zu einem Intensivkurs am Vormittag und 10 Lehrer und Erzieherinnen
zu einem Kurs für den Nachmittag eingeteilt. Nach dem ersten Zögern
arbeiteten sie begeistert, mit hoher Konzentration und großer Kreativität
an ihren Fähigkeiten und waren sich alle einig, dass sie das Gelernte
sehr gut gebrauchen können.
Die
Kurse beinhalteten nicht nur das Training im Spiel mit den einfachen
geometrischen Figuren, sondern auch viele Erklärungen zur Psychologie
und Wahrnehmungsmöglichkeiten der Behinderten, über den Zusammenhang
zwischen Handlung und Lernen, über Motivation und Beobachtung etc.
Immer wieder wurden Fragen gestellt und Beobachtungen beschrieben
und diskutiert. Immer wieder wurden die kleinen Szenen den Behinderten
vorgespielt.
Dabei zeigte sich das gleiche Phänomen wie schon die Erfinderin
der kleinen Spielszenen, Jutka Fekete, beschrieben hatte: Selbst
normalerweise uninteressierte Behinderte beobachten – ihren Möglichkeiten
entsprechende – das Geschehen, Blinde hören aufmerksam zu und Sehbehinderte
folgen den Bewegungen. Zwar ist das Aufmerksamkeitspotential vieler
Behinderter sehr gering, und es ist manchmal ein großer Erfolg,
wenn sie ihren Kopf in die Richtung der Figuren drehen. Aber das
ist nur ein Anfang, und es kann Wochen dauern, bis ein Behinderter
sich ganz dem Geschehen zuwenden kann. Geduld. Geduld. Geduld.
Kein Wort war bei dieser Arbeit wichtiger!
Und
was wären meine Kurse und meine Vorträge ohne eine einfühlsame und
versierte Übersetzerin gewesen? Mein Koreanisch ist erbärmlich.
Hätte Wul Suong Kruse, die in Wüstenrot lebt und seit über 20 Jahren
mit Ai Kwang Won verbunden ist, nicht so wunderbar und verständlich
die vielen Stunden für mich übersetzt, wäre meine Arbeit sehr viel
schwieriger gewesen! Teilnehmerinnen und die Leitung des Behindertenzentrums
dankten ihr herzlich und ich kann ihre Hilfe gar nicht genug loben.
DANK:
Mein besonderer Dank gehört nicht nur meiner wunderbaren
Übersetzerin, Frau Kruse, sondern auch
dem
Partnerschaftsverein der
Fröbelschule in
Schorndorf, der mir die Flugkosten ersetzt hat. Ich danke
der Leitung des Behindertenzentrums Ai Kwang Won, der dortigen Schule
und dem Kindergarten, die alle mit viel Verständnis meine Arbeit
nicht nur ermöglicht und umsichtig unterstützt haben, sondern mir
auch erlaubten, jedes der Häuser zu besuchen und die Arbeit der
Betreuer und Lehrer zu beobachten.
Im kommenden Jahr soll die Arbeit fortgesetzt und die Betreuer 8 Wochen lang geschult werden. Ich freue mich darauf!
