Puppen und die emotionale
Entwicklung von Kindern –
ein internationaler Überblick
(deutsche Version, Original ist in Englisch)
Konferenz:
The 11th European Affective Education Network Conference Promoting
the Social Emotional Aspects of Education – A Multi-faceted Priority
Ljubljana, Slovenia, 26-30 June 2011
Vortrag (englische Version) gehalten am
27.6.2011
von Barbara Scheel, Leiergasse 15 A, D-75031 Eppingen, Germany
Einführung:
Mein Wissen zu diesem Vortrag beruht auf weltweiter Erfahrungen.
Ich habe international mit Puppenspiel gearbeitet und in vielen
Ländern Vorlesungen und Seminare an Universitäten und in Instituten
gehalten, die meine Erfahrungen im therapeutischen Puppenspiel,
in Schule und für Behinderte aller Art in ihrer Arbeit anwenden
wollen. In den unterschiedlichen Ländern wird die soziale und psychologische
Entwicklung von Kindern sehr unterschiedlich betrachtet und bewertet.
Manchmal ist es sehr schwierig, die Erwachsenen zu verstehen, wenn
sie Entscheidungen treffen, die für das Leben der Kinder wichtig
sind oder wenn sie Anforderungen an ihre Kinder stellen. Kinder
sind in allen Ländern gleich, solange sie sehr jung sind. Aber sobald
Entscheidungen in Bezug auf Schule und Erziehung getroffen werden
müssen, werden die Unterschiede in den verschiedenen Kulturen größer,
ebenso die Anforderungen an das soziale Verhalten. Die Verständigung
darüber wird in unseren multikulturellen Gesellschaften immer schwieriger.
Kinder mit besonderen Bedürfnissen sind nur ein Sonderfall in der
Kommunikation zwischen unterschiedlichen Menschen.
1. Warum sind Puppen wichtig für die emotionale
Entwicklung von Kindern?
1.1. Kinder und ihre Interimsobjekte
Sobald das Kind aus dem Mutterleib in die kalte Welt entlassen ist,
beginnt ein Prozess der Ablösung, der ein Leben lang dauert. Es
benutzt Puppen, Schmusetuch, Teddy, Schnuller, Kuscheltiere etc.,
um die Ablösung von der Mutter zu bewältigen. Diese Objekte nennt
man Interimsobjekte, denn sie werden stellvertretend für das reale
Objekt „Mutter“ mit aller Liebe, allem Hass, allen Versuchen einer
emotionalen Auseinandersetzung benutzt. Sie werden in die Ecke gelegt,
geherzt, geschlagen, beschimpft, geküsst, wenn die Mutter/Bezugsperson
nicht erreichbar ist – als Partner, aber auch im übertragenen
Sinne. Im Alter von ca. 5 Jahren wird dann von den Erwachsenen bestimmt,
dass das Kind jetzt „zu groß“ für diese Dinge ist und mit der Schule
ein neuer Lebensabschnitt beginnen würde. Die Interimsobjekte werden
vernichtet, im besten Fall in einer Kiste auf dem Dachboden sorgsam
aufgehoben. Trauer wird dem Kind nicht gestattet – oder sei
wird nicht verstanden. Und was wir nicht betrauern dürfen, hängt
uns ein Leben lang nach. Diese Phase der großen emotionalen Intimität
mit einem Gegenstand, dessen Verlust nur unzureichend betrauert
werden darf, ist die Grundlage für unsere emotionale Beziehung zu
den Puppen in der Therapie, aber auch auf der Puppenbühne, denn
beides berührt unsere emotionalen Erinnerungen.
1.2. Das Spiel mit Puppen und die soziale und emotionale Entwicklung
in der Kindheit
Sobald wir die Gelegenheit haben, uns mit Puppen/Figuren zu
konfrontieren, werden die emotionalen Gegebenheiten unserer Kindheit
– auch im Erwachsenenalter! – wieder erlebt. Unser emotionales Gedächtnis
wird aktiviert und wir empfinden die gleiche emotionale Sicherheit
wie in der Zeit, in der uns die Interimsobjekte so wertvolle Probehandlungen
ermöglicht haben. Da die Puppen uns nur zur Antwort geben, was in
uns selbst vorhanden ist, können wir sicher sein, dass wir keine
Antwort erhalten, die uns über- oder unterfordert oder die uns unverständlich
ist. Objekte haben die Zeit auf ihrer Seite. Sie verändern sich
nicht, aber sie verändern uns. Wir handeln zur Probe. Nichts kann
schief gehen, denn wir wagen uns nur so weit vor, wie es unser Gefühl
zulässt, ohne uns dem Abgrund der Gefühle zu sehr zu nähern oder
gar abzustürzen. Diese Qualität haben Puppen/Figuren allen Menschen-Partnern
voraus – auch den Therapeuten. Und noch einen Vorteil haben die
Puppen: sie sprechen nicht. Unsere Kommunikation mit ihnen ist so
verschwiegen, so individuell, es braucht keine Sprache, wenn die
Sprache versagt. Diese Kommunikation birgt Geheimnisse, die nur
zwischen der Puppe, also einem Gegenstand, und uns existieren. Wir
können eine Entscheidung, eine Idee und deren emotionale Auswirkungen
hundert Mal und öfter ausprobieren, ohne dass sie endgültig ist.
Wir wachsen emotional in eine Entscheidung hinein, die wir im positivsten
Fall zuletzt ohne Angst treffen können.
Das macht die emotionale Entwicklung in der Kindheit aus. Verbieten
wir diese emotionalen Probehandlungen oder machen sie unmöglich,
so erzeugen wir unreife Erwachsene, die später das nachholen müssen,
was ihnen in ihrer Kindheit verwehrt wurde.
Es gibt zwei wichtige Einflüsse, die dazu angetan sind, uns von
unseren eigenen Emotionen zu entfremden: Fernsehen, in dem wir ausschließlich
die Emotionen anderer in suggestiver Weise erleben, und absoluter
Lern- und Leistungsdruck. Dass Traumata und schwierige familiäre
und soziale Situationen uns schädigen, wissen wir nicht erst seit
Freud. Aber alle diese Schädigungen können oft – nicht immer – durch
eine Puppentherapie mit einem einfühlsamen Therapeuten bearbeitet
werden.
Die Puppe ist einer der wenigen Gegenstände, die wir manipulieren
können, ohne dafür bestraft zu werden. Wir können ihr alles befehlen
und tragen gleichzeitig die Verantwortung dafür. Sie tut das, was
wir von ihr fordern, und wir erforschen die emotionale Seite unserer
Forderung: mächtig sein, befehlen können, König, Hexe, Tier, Prinzessin,
Teufel, Drache oder Ritter, aber auch Batman oder einer der großen,
mächtigen Bösewichte aus den modernen Medien sein, ist ein großes
Gefühl, das wir uns nur im Spiel gönnen und auskosten können. Vor
allen Dingen Jungen sind darauf angewiesen, die weibliche Erziehungsdominanz
im Spiel abzustreifen und in männliche (Probe-)Verhalten einzusteigen.
Die Realität gestattet es ihnen meist nicht.
Um soziale Kompetenz zu erringen, benötigen wir emotionale Sicherheit.
Natürlich gibt es viele Situationen, in denen wir das lernen können.
Eine besondere Möglichkeit ist das Vorbereiten eines Puppenspiels
in einer Gruppe (Schule, Behinderte, soziale Gruppen etc.),
d.h. werden Puppen und Bühne gebaut, der Text erarbeitet,
das Spielen geübt, das Publikum eingeladen und das Spiel aufgeführt,
kann man folgendes Phänomen beobachten: Die Aggressivität in der
Gruppe reduziert sich, die vorhandenen sozialen Kompetenzen werden
aktiviert und neue erworben. Das gesamte soziale Gefüge verändert
sich zum Positiven und das Resultat der Bemühungen ist deutlich
besser als es die Summe der einzelnen Leistungen hätte erwarten
lassen. Soziales Lernen findet am effektivsten dort statt, wo eine
intensive sachbezogene Diskussion ermöglicht wird. Da sich die Arbeit
an einem Puppenspiel von selbst differenziert, also jeder der Beteiligten
seine „Nische“ und damit seine emotionale Zufriedenheit findet,
zeigen die Beteiligten nicht nur ihre eigene soziale Kompetenz,
sondern beobachten/fühlen auch die der anderen. Das ist eine wichtige
Voraussetzung für eine Erweiterung der eigenen Fähigkeiten und der
prozesshaften emotionalen Weiterentwicklung im Bereich Liebe, Trauer,
Hass, Wut, Freundsein, Vertrautheit, Misstrauen etc. innerhalb von
Gruppen.
Ich habe viele Berichte aus verschiedensten Ländern erhalten, in
denen genau das geschildert wird. Zwischen Amerika Nord und Süd,
Asien, Afrika, Australien und Europa gibt es zwar kulturell bedingte
Unterschiede, aber das Resultat ist immer dasselbe: positive Anstöße
bis zur Heilung. Das findet auch in der Puppenspiel-Therapie statt,
jedoch auf nur eine Person bezogen und nur einer Person entsprechend.
Aber nicht nur das selbst kreieren eines Puppenspiels setzt erstaunliche
Selbstheilungskräfte in Bewegung, sondern auch das Puppenspiel,
das ein Erwachsener auf der Bühne sieht, das ihn anrührt, das ihn
nachdenklich macht, zum Lachen oder zum Weinen bringt. Es funktioniert
über die gleichen Mechanismen wie bei den Kindern. Es ermöglicht
eine emotionale Auseinandersetzung mit den Problemen, die die Geschichte
anbietet und nimmt als Grundlage die Lebenserfahrung des einzelnen
Zuschauers. M.a.W.: Jeder der Zuschauer sieht SEINE Geschichte und
erlebt sie mit. Auch dafür gibt es erschütternde Beispiele, die
man als Katharsis bezeichnen könnte.
Dabei werden auf der Bühne – anders als im realen Leben – Problemlösungen
gezeigt, die sich meist außerhalb der Realität befinden. Aber der
Zuschauer sieht zu und erlebt mit, wie Probleme gelöst, wie gelitten
und triumphiert wird. Es sind weder seine ureigensten Probleme noch
sind es Geschichten, die der Zuschauer in solcher oder ähnlicher
Weise erlebt hat oder erleben wird. Aber das Streben nach befriedigenden
Lösungen, die Zwanglosigkeit, mit der sie angeboten werden, sowie
die Zeit, die dem Zuschauer im Puppenspiel gegönnt wird, um sich
mit den Figuren und dem Geschehen auseinander zu setzen, sind
Probehandlungen, die zwar von anderen ausgeführt, aber emotional
aktiv miterlebt werden.
2. Zusammenhang zwischen der
Erziehungsphilosophie und dem Kinderspiel mit Puppen in verschiedenen
Ländern
Ich beziehe mich hierbei auf meine Erfahrungen aus allen 5 Erdteilen.
Die Erziehungs-Philosophien sind auf unserer Erde sehr unterschiedlich.
Zwar spürt man in Nordamerika und Asien oft den gleichen Leistungsdruck
und die gleichen hohen Erwartungen, aber es gibt einen nachweisbaren
Unterschied: In den USA und in Europa wird alles daran gesetzt,
dass ein Kind unabhängig wird, d.h. seiner Familie entwächst und
auf eigenen Beinen stehen kann. Dafür wird Leistung gefordert, damit
das eigene Kind schneller, besser, höher dotiert wird als die Kinder
der anderen. Menschen werden bewundert, die aus EIGENEM Antrieb
aus der Menge herausragen („Vom Tellerwäscher zum Millionäre“).
In Asien wird derjenige besonders bewundert, der seinen Eltern Ehre
macht. Beide Bildungsphilosophien sind praktisch nicht kompatibel,
denn es gibt keinen größeren Unterschied als Bildungssysteme, die
auf extern geleiteter (Asien) und intern geleiteter (Amerika, Europa)
Motivation beruhen. Zurzeit wird in Deutschland versucht, die unbestreitbar
auch positiven Resultate der asiatischen Bildungskultur zu implantieren.
Das führt zu großer Irritation.
Diese beiden extrem unterschiedlichen Bildungskonzepte haben unmittelbare
Auswirkungen auf das Spiel der Kinder – auch das Puppenspiel. Während
in Afrika Lumpen zu Puppen avancieren – weil keine vorgefertigten
vorhanden oder bezahlbar sind -, wird in Asien (Japan, Südkorea,
China) das Spiel mit der Puppe zum pädagogischen Konzept erhoben
und mit Lernanforderungen gekoppelt.
In den USA wiederum werden Puppen (wie auch andere „Bedarfsartikel“
der Kinder) normiert und wegen der Flut von teilweise abstrusen
Haftungsprozessen „sicher“ gemacht.
In Australien sind Puppen, die aus den unterschiedlichen
kulturellen Wurzeln stammen, natürlich extrem verschieden, werden
aber von amerikanischen Produkten zugedeckt.
In Südamerika sind Kinder aus den ärmeren Bevölkerungsschichten
im Vorteil, denn die importierten Plastikpuppen mit Sprache und
Bewegung, denen man nur zuhören und zuschauen kann, gehen sehr schnell
kaputt und werden dann in der ursprünglichen Weise – wenn überhaupt
– weiter benutzt.
Es gibt Unterschiede in der Beurteilung von „guten“ und „schlechten“
Puppen. Ich will meine eigene Meinung daran messen, wie sehr die
Spiel- und die Theaterpuppen den Prozess der emotionalen Entwicklung
von Kindern fördern.
In den früheren sozialistischen Ländern des Ostblocks stand
die traditionelle Kultur – wenn auch meist aus touristischen Gründen
– in hohem Ansehen, was sich auch auf die Ausgestaltung der Theaterpuppe
– wie ich meine – positiv auswirkte.
In den Ländern Westeuropas wurde die traditionelle Puppe
zu einem Luxus- und Sammlerobjekt hochstilisiert - ich nenne da
nur Käthe Kruse und Steiff - deren Produkte keine normale Familie
mehr bezahlen kann. Chinas Produkte, lizenziert in Amerika, wurden
zwar auf den westeuropäischen Markt geworfen, aber die Qualität
war so schlecht, dass eine Amerikanisierung von Spielwaren erst
mit der Einführung von Qualitätsstandards und teuren PR-Maßnahmen
stattfand.
In Nord-Amerika sind Puppen Wegwerfprodukte, die sofort ersetzt
werden sollten, wenn auch nur die Batterie ihren Geist aufgibt.
Zudem machen PR-Maßnahmen eine langfristige Identifizierung mit
EINER Puppe, EINEM Teddy, EINEM Schmusetier verdächtig. Die Erwachsenen
sind die Zielgruppe der Hersteller, und die Werbung richtet sich
nur an sie. Sie suggeriert, dass kein Erwachsener jemals sicher
sein kann, das Richtige in der Kindererziehung zu tun, unterstützt
also die Unsicherheit und das schlechte Gewissen. Dieses schlechte
Gewissen ist das Fundament für die Beeinflussung der Eltern.
Natürlich kann ich nur die persönlichen Eindrücke schildern, die
ich in den vielen Ländern gesammelt habe, in denen ich bei meiner
Arbeit intensiver in die Kinderspielwelten eindringen konnte. Es
hat sich dabei für das Spielen mit der Puppe und das Puppenspiel
in Gemeinschaft – wie z.B. in der Schule – entsprechend der Erziehungsideologie
folgendes herauskristallisiert:
a) Die kommunistische Ideologie bevorzugte vorgegebene und
meist nicht hinterfragbare Qualitätsstandards, die nach außen sichtbar
sein mussten. Es gab zwar Konkurrenz, aber das vergleichbare Gemeinschaftsergebnis
war wichtiger als individuelle Ergebnisse. In den früheren sowjetischen
Hoheitsgebieten wirkt sich diese Ideologie noch immer aus.
b) Die kapitalistische Ideologie unterstützt zwar die scharfe
Konkurrenz, aber Individualität und eigenständige Kreativität stehen
hoch im Kurs und Teamwork wird besonders gefördert, aber auch gefordert.
c) In den Ländern, in denen es extreme Unterschiede zwischen
Armen und Reichen gibt, spalten sich die Ideologien:
- Die Reichen entwickeln eine Kultur des Delegierens, auch
im Spiel. Es wird zwar den kleinen Kindern erlaubt, ihre Schmusetiere
zu haben, aber je älter sie werden, umso stärker ist die Tendenz,
sich das Spiel anderer anzuschauen, ohne sich selbst aktiv zu beteiligen.
Damit kommt das Spiel dem Gang ins Theater oder dem Sitzen vor dem
Fernseher sehr nahe.
- Die Armen müssen die Kultur des Nicht-Habens kultivieren,
d.h. sie müssen mit dem vorlieb nehmen, was sie haben bzw. sich
leisten können. Es wird in höchstem Maße Kreativität des Überlebens
– auch des emotionalen Überlebens – von den Kindern gefordert. Hier
gilt: nur wer so kreativ und gesund wie möglich bleibt, wird überleben.
d) In der konfuzianischen Erziehungsideologie wird das Spiel
der Leistung untergeordnet. Pädagogisch wertvolles Lernspiel, perfekte
Aufführungen und die Anerkennung durch die hierarchisch höher gestellten
Mitglieder der Gesellschaft (männliche, ältere Familienmitglieder,
Lehrer, Erzieherinnen etc.) sind der Maßstab des erfolgreichen Spiels.
Es wird z.B. als großer Mangel empfunden, wenn ein Kind behindert
auf die Welt kommt und viel oder ausschließlich das nicht zielgerichtete
Spielen braucht, um überleben zu können. In Südkorea werden
deshalb behinderte Kinder noch heute oft ausgesetzt. Das Einfinden
in ein emotional reifes Erwachsenenverhalten findet nur rudimentär
oder gar nicht statt. Perfektionismus im Puppenspiel kann man in
vielen Vorstellungen – vor allem in China – beobachten.
Das Spiel mit der Puppe in der Therapie erscheint in großen Teilen
Asiens geradezu unanständig, weil dabei Emotionen freigesetzt und
gezeigt werden. Dass dadurch ein Tabubruch stattfindet, ist bekannt
und macht die Verbreitung von Therapeutischem Puppenspiel in Asien
nahezu unmöglich.
Weltweit wird das Puppenspiel im Kindesalter zwischen laissez-faire
und absolut vorgeschriebenem Perfektionismus praktiziert.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass in den
Ländern, die den Kindern mehr Freiraum für das Spiel mit der Puppe
geben und ihnen ermöglichen, intensiv emotional zu reifen, höhere
kreative Potentiale vorhanden sind, die später, z.B. in der wissenschaftlichen
Arbeit, abrufbar sind. Weltweit ist jedoch das reine Auswendiglernen
auf dem Vormarsch und Zeit vergessenes Spiel wird immer mehr in
den Hintergrund gedrängt.
3. Zusammenhang zwischen TV,
Puppenspiel und emotionaler Entwicklung von Kindern
Viele Kinder sitzen bis zu 6 Stunden vor dem Fernseher und schauen
sich gezielt oder auch nur “nebenbei” das an, was das TV zu bieten
hat: kurze Ausschnitte aus einem erdachten Leben, Musik- und Tanzsendungen,
Dokumentationen, sowie Nachrichten. Alle diese Sendungen – es gibt
hier rühmliche Ausnahmen, das möchte ich ausdrücklich betonen! –
sind auf Schnelligkeit, Kürze und Intensität getrimmt. Keine der
Sequenzen, die im TV-Film gezeigt werden, ist länger als 20 Sekunden
(Sie können mitzählen!); die meisten liegen zwischen 2 und 12 Sekunden.
Durch die Geschwindigkeit der Präsentation ist eine bewusste Verarbeitung
des Inhalts nicht möglich. Außerdem enthalten viele der Sendungen
Angst erzeugende, aggressive, gefühlsdominante Inhalte, die mit
entsprechender Musik unterstützt werden. Sie werden durch die Augen
– deren Aufnahmekapazität bei 20 bis 24 Bildern pro Sekunde liegt
– unmittelbar und ausnahmslos ins Unterbewusstsein transportiert,
wo das Gefühl des Ausgeliefertseins mit deponiert wird. Bei jeder
der „aufregenden“ Szenen wird Adrenalin ausgeschüttet. Da Adrenalin
eine Suchtdroge ist, führt ausgiebiges Fernsehen zur Sucht nach
Adrenalin. Es ist also nicht das Fernsehen, das süchtig macht, sondern
der Adrenalinschub, der durch die Dramaturgie der Sendungen erzeugt
wird.
Im Puppenspiel ist schon die Spiel-Geschwindigkeit des Fernsehens
nicht möglich, denn die menschliche Langsamkeit bedingt eine „menschliche“
Geschwindigkeit. Außerdem zeigt das Puppenspiel – genau wie das
Spiel der Kinder mit der Puppe – Prozesse, denen man folgen kann.
Das ermöglicht den Zuschauern, die fehlenden Informationen aus der
eigenen Phantasie und der Lebenserfahrung zu ergänzen. Dadurch wird
das Puppenspiel – anders als das Fernsehen – zum wahren Bildungsgut,
zur Schule der Emotionalität. Die wenigen und meist sehr abstrakten
Informationen im Puppenspiel (Puppen sind nur DINGE und nicht das
wirkliche Leben!), die das Publikum erhält MÜSSEN durch die eigenen
Erfahrungen ergänzt werden, sonst bleibt das Puppentheater ein fernes,
unverstandenes Bild und benötigt eine pädagogische Aufbereitung.
Mit anderen Worten:
Durch das Fernsehen werden Bruchstücke mit hoher Geschwindigkeit
und daher unverdaubar für die Rezipienten dargeboten. Meist werden
in den Filmen viele Miniprobleme angerissen, aber nur unzureichend
gelöst. Selbst bei den meisten Dokumentarfilmen werden nicht die
„echten“ Hintergrundgeräusche benutzt, sondern Musik: Wasser-, Felsen-,
Wiesen- und Waldmusik etc. Und diese Musiken haben einen nachweisbaren
emotionalen Gehalt, der bereits eine Interpretation des Gezeigten
ist. Der individuellen Interpretation des Zuschauers wird vorgegriffen.
Das nennt man Manipulation.
Im Puppenspiel werden emotionale Prozesse und die damit verbundenen
Geschichten gezeigt, die nachvollziehbar, interpretierbar und bewertbar
bleiben. Je nach Lebenserfahrung und Bereitschaft des Zuschauers
werden diese Prozesse nachvollzogen oder es werden bewusst alternative
Lebenskonzepte in Zusammenhang mit dem Puppenspiel gefühlt oder
sogar artikuliert. Puppenspiel regt zum Probehandeln an, es bildet
eine Wirklichkeit ab, die immer eine oder mehrere Alternativen zulässt.
Emotionale Entwicklung ist also beim Schauen eines Puppenspiels
eher möglich als beim Konsumieren eines Videos oder Fernsehfilmes.
4. Kinder mit Besonderheiten und
besonderen Bedürfnissen
Behinderte Kinder brauchen besondere Zuwendung. Aber Zuwendung benötigt
jedes Kind! Kinder erfahren die Welt durch die Erwachsenen, denn
sie sind von ihnen abhängig. Deshalb bin ich der Meinung, es gibt
es nur einen graduellen Unterschied zwischen behinderten und nicht
behinderten Kindern. Natürlich haben Kinder mit besonderen Behinderungen
Anspruch darauf, dass wir ihre Behinderungen berücksichtigen. Es
ist dumm zu glauben, ein hörbehindertes Kind könne uns verstehen,
wenn wir nur lange und laut genug zu ihm sprechen.
Puppenspiel hat eine Qualität, die kein anderes Medium zeigt: Puppenspiel
ist ein Katalysator für Kommunikation. Die Puppe lässt selbst dann
eine Kommunikation zu, wenn Kinder unter schweren Traumata leiden,
über ihre Erlebnisse nicht sprechen und sich keinem Erwachsenen
anvertrauen können. In der Therapie werden die Probleme der Probanden
meist in der ersten Therapiestunde gespielt. Aber es dauert lange,
bis sie sich vorsichtig einer Lösung nähern können.
Behinderte Probanden sind mit „normalen“ Anforderungen immer überfordert.
Aber sie lieben die Puppen, weil sie ihnen auf der Ebene antworten,
auf der sie verstehen können. Puppen sind keine Bedrohung – es sei
denn sie werden von unvernünftigen Erwachsenen gespielt, die auf
eine Lösung von Problemen drängen oder pädagogische Zielsetzungen
in den Vordergrund stellen. Puppen antworten nur das, was die Behinderten
ertragen und scheinbar mühelos erfüllen. Es gibt erschütternde Bericht
über Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die nach schweren Katastrophen
erstmals bei einem Puppenspiel wieder lachen konnten.
Puppen sind unvollständig. Sie haben keine Persönlichkeit, die bedrückend
oder erdrückend, fordernd oder wertend ist. Puppen haben den Vorteil,
dass sie keine Lebensgeschichte haben und darauf warten, dass man
ihnen eine „andichtet“. Sie leben erst, wenn man sie zum Leben bringt.
Sie sind allen Eltern, Lehrern und Therapeuten überlegen. Sie vermitteln
Kommunikation auf jedem intellektuellen Niveau. Sie bleiben neutral,
wenn andere Forderungen stellen und die Ergebnisse bewerten. Sie
überfordern unsere Zuwendung nicht, aber sie fordern uns zu emotionalem
und sozialem Handeln heraus. Sie ermöglichen Lernprozesse, die anders
nicht möglich sind. Sie haben eine eigene Sprache, die jeder versteht.
Sie haben nur so viel Mimik, wie wir ihnen geben, indem wir Stimmungen
erzeugen. Puppen verstehen uns immer. Sie lachen und weinen mit
uns, sie lassen sich beschimpfen und geben nur die Widerreden, die
wir zulassen, und sie tragen uns über emotionale Abgründe. Das ist
unabhängig von Kultur und Alter, Sprechfähigkeit und Lebenserfahrung,
Intelligenz und Kreativität.
5. Perspektive:
Vor etwa 20 Jahren arbeitete ich in den USA. Einer meiner
Kollegen sagte: „Jedes Kind sollte durch eine Puppenbühne wandern!“
Das mag sein. Was ich sagen möchte, ist, dass die Puppe das Werkzeug
ist, das sich am besten selbst differenziert, wenn es um Kommunikation
und das Ausdrücken von Emotionen geht. Die Puppe ist weder auf die
Sprache, noch auf die Geschicklichkeit oder auf die intellektuellen
Fähigkeiten derjenigen angewiesen, die die Puppe in die Hand nehmen,
etwa in der Therapie, in der Schule oder an anderen Orten der Erziehung
und Bildung. Puppen arbeiten FÜR die emotionale Gesundheit von Menschen,
und zwar in beiden Fällen: wenn sie ein Puppenspiel selbst initiieren
und wenn sie einem guten Puppenspiel zusehen.
Puppen sind ein wunderbares Instrument für die Therapie, die Bildung
und für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.
Barbara Scheel
